Inventur-Hinweise-1

  • Projekt: BAUMANN Warenwirtschaft
  • Bezeichnung: Inventur-Hinweise-1
  • Version: 1.0
  • Datum: 24.06.2011

Kurzbeschreibung

Mit diesem Leitfaden erhalten Sie grobe Inventur-Hinweise, die für Ihren Betrieb von Nutzen sein könnten.

1. Körperliche Inventur

Voraussetzung für die Aufstellung der Bilanz ist die Aufzeichnung der einzelnen Vermögensgegenstände (Inventar). Die Erfassung des Vorratsvermögens (Bilanzpositio­nen: Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige und fertige Erzeugnisse, Waren) erfordert grundsätzlich eine körperliche Bestandsaufnahme (Inventur).

Das Vorratsvermögen kann auch mit Hilfe anerkannter mathematisch-statistischer Methoden auf Grund von Stichproben ermittelt werden, wenn das Ergebnis dem einer körperlichen Bestandsaufnahme gleichkommt. Als weitere Inventurerleichterungen kommt die Gruppenbewertung (siehe Punkt 6.1) und der Festwert (siehe Punkt. 6.2) in Betracht.

2. Zeitpunkt der Inventur

2.1 Zeitnahe Inventur:

Eine ordnungsgemäße Bestandsaufnahme ist grundsätzlich am Bilanzstichtag oder inner­halb von 10 Tagen vor oder nach dem Bilanzstichtag durchzuführen. Bestandsver­änderungen zwischen dem Tag der Bestandsaufnahme und dem Bilanzstichtag sind dabei zu berücksichtigen.

2.2 Zeitverschobene Inventur:

Die körperliche Inventur kann an einem Tag innerhalb der letzten drei Monate vor oder der ersten zwei Monate nach dem Bilanzstichtag durchgeführt werden, wenn durch ein Fortschreibungs- oder Rückrechnungsverfahren die ordnungsgemäße Bewertung zum Bilanzstichtag sichergestellt ist. Die Fortschreibung kann nach der folgenden Methode vorgenommen werden, wenn die Zusammensetzung des Warenbestands am Bilanzstichtag nicht wesentlich von der Zusammensetzung am Inventurstichtag abweicht:

Körperliche Inventur 30. November: Wert

220.000,00 €

+ Wareneingang 1. bis 31. Dezember

70.000,00 €

– Wareneinsatz 1. bis 31. Dezember

90.000,00 €

Inventur-/Bilanzwert 31. Dezember

200.000,00 €

 
Es ist auch zulässig, Teile des Warenbestands am Bilanzstichtag und andere Teile im Wege der Fortschreibung bzw. Rückrechnung zu erfassen. Das Fortschreibungs- bzw. Rückrechnungsverfahren ist im Allgemeinen nur für solche Wirtschaftsgüter anzuwenden, die lediglich geringen Preisschwankungen unterliegen, jedoch nicht für Wirtschaftsgüter, die nach dem LIFO-Verfahren ,(Last Input - First Out  -  „was zuletzt reinkommt, geht zuerst raus") bewertet werden.

2.3 Permanente Inventur:

Eine körperliche Bestandsaufnahme am Bilanzstichtag kann unterbleiben, wenn der Bestand für diesen Stichtag nach Art und Menge anhand von Lagerbüchern (z. B. EDV-unterstützte Lagerverwaltung) festgestellt werden kann. Dabei ist allerdings mindestens einmal im Wirtschaftsjahr der Buchbestand durch körperliche Bestandsaufnahme zu überprüfen.

3. Umfang der Inventur

3.1 Inventar:

Das Inventar (Bestandsverzeichnis) muss vollständig sein, also alle Bestände des Vorratsvermögens umfassen (Vollständigkeitsgebot). Dazu kann es zweckmäßig sein, die Bestände vor der Inventur zu sortieren. Nicht mehr verwendbare Bestände können vor der Inventur vernichtet werden. Das Bestandsverzeichnis muss entsprechend gegliedert werden (Verkaufsräume, Lager, Werkstatt, Schaufenster, Vertreterkollektionen usw.).

3.2 Hilfs- u. Betriebsstoffe, Verpackung usw.:

Auch Hilfs- und Betriebsstoffe sind aufzunehmen. Hilfsstoff ist z. B. der Leim bei der Möbelherstellung. Betriebsstoffe sind z. B. Heizmaterial, Benzin und Öl für Kraftfahrzeuge. An die Bestandsaufnahme der Hilfs- und Betriebsstoffe sollen keine unzumutbaren Anforderungen gestellt werden. Im Allgemeinen genügt es, wenn sie mit einem angemessenen geschätzten Wert erfasst werden (vgl. dazu auch Punkt 6). Eine genaue Bestandsaufnahme ist aber auch für Hilfs- und Betriebsstoffe und Verpackungsmaterial erforderlich, wenn es sich entweder um erhebliche Werte handelt oder wenn die Bestände an den Bilanzstichtagen wesentlich schwanken.

3.3 Unfertige und fertige Erzeugnisse:

Aus den Inventur-Unterlagen muss erkennbar sein, wie die unfertigen und fertigen Erzeugnisse bewertet wurden, d. h., die Ermittlung der Herstellungskosten muss leicht nachprüfbar und nachweisbar sein – ggf. durch Hinweise auf Arbeitszetteln oder Kalkulationsunterlagen. Bei unfertigen Erzeugnissen sollte der Fertigungsgrad angegeben werden.

3.4 „Schwimmende Waren":

Unterwegs befindliche Waren (sogenannte rollende oder schwimmende Waren) sind ebenfalls bestandsmäßig zu erfassen, wenn sie wirtschaftlich zum Vermögen gehören (z. B. durch Erhalt des Konnossements oder des Auslieferungsscheins). Lagern eigene Waren in fremden Räumen (z. B. bei Spediteuren), ist eine Bestandsaufnahme vom Lagerhalter anzufordern.

3.5 Kommissionswaren:

Kommissionswaren sind keine eigenen Waren und daher nicht als Eigenbestand aufzunehmen. Andererseits sind eigene Waren, die den Kunden als Kommissionswaren überlassen worden sind, als Eigenbestand zu erfassen (Bestandsnachweis von Kunden anfordern!).

3.6 Minderwertige Waren:

Minderwertige und wertlose Waren sind ebenfalls bestandsmäßig aufzunehmen.

Die Bewertung kann dann mit dem Verkaufswert oder ggf. mit 0 Euro erfolgen.

4. Bewegliches Anlagevermögen

4.1 In das Bestandsverzeichnis müssen grundsätzlich

sämtliche beweglichen Gegenstände des Anlagevermögens aufgenommen werden, auch wenn sie bereits abgeschrieben sind. Zu den Ausnahmen siehe bei Punkt 4.2 und 6.2. Auf die körperliche Bestandsaufnahme des beweglichen Anlagevermögens kann verzichtet werden, wenn ein besonderes Anlagenverzeichnis (Anlagekartei) geführt wird. Darin ist jeder Zu- und Abgang laufend einzutragen. Das Anlagenverzeichnis wird in der Regel vom Steuerberater geführt.

4.2 Grundsätzlich sind auch

geringwertige Wirtschaftsgüter (Anschaffungs- oder Herstellungskosten von 1,00 Euro bis 150 Euro ohne Umsatzsteuer) in einem besonderen Verzeichnis zu erfassen, das aber dann entbehrlich ist, wenn die Erfassung in der Buchführung auf einem besonderen Konto erfolgt.

Wirtschaftsgüter von 151,00 Euro bis zu 1000,00 Euro Anschaffungs- oder Herstellungskosten (ohne Umsatzsteuer) müssen auf ein besonderes Konto (Pool genannt) verbucht werden.

Wirtschaftsgüter (Anschaffungs- oder Herstellungskosten ab 10001,00 Euro ohne Umsatzsteuer), ergeben Anlagengüter mit einer linearen- bzw. degressiven Abschreibung.

4.3 Leasinggegenstände

sind im Anlagenverzeichnis zu erfassen, wenn sie dem Leasingnehmer zuzurechnen sind (z. B. bei Leasingverträgen mit Kaufoption).

5. Forderungen und Verbindlichkeiten

Zur Inventur gehört auch die Aufnahme sämtlicher Forderungen und Verbindlichkeiten, also die Erstellung von Saldenlisten für Schuldner und Gläubiger. Auch Besitz- und Schuldwechsel sind einzeln zu erfassen. Die Saldenlisten sind an Hand der Kontokorrentkonten getrennt nach Forderungen und Verbindlichkeiten aufzustellen.

6. Bewertungsverfahren

6.1 Einzelbewertung / Gruppenbewertung

Grundsätzlich sind bei der Inventur die Vermögensgegenstände einzeln zu erfassen und entsprechend zu bewerten (§ 240 Abs. I HGB). Soweit es den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung entspricht, können jedoch gleichartige Vermögensgegen­stände des Vorratsvermögens sowie andere gleichartige oder annähernd gleichartige bewegliche Vermögensgegenstände jeweils zu einer Gruppe zusammengefasst und mit dem gewogenen Durchschnittswert angesetzt werden.

6.2 Festwerte

Gegenstände des Sachanlagevermögens sowie Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe können, wenn sie regelmäßig ersetzt werden und ihr Gesamtwert für das Unternehmen von nachrangiger Bedeutung ist, mit einer gleich bleibenden Menge und einem gleich bleibenden Wert angesetzt werden, sofern ihr Bestand in seiner Größe, seinem Wert und seiner Zusammensetzung nur geringen Veränderungen unterliegt. Diese Art der Bewertung kommt z. B. bei Werkzeugen, Modellen, Flaschen, Fässern, Verpackungs­material in Betracht. Für die durch Festwerte erfassten Gegenstände entfällt eine jährliche Inventur. Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sind dann regelmäßig nur an jedem dritten Bilanzstichtag aufzunehmen. Für Gegenstände des beweglichen Anlagevermögens ist im Regelfall an jedem dritten, spätestens aber an jedem fünften Bilanzstichtag eine körperliche Bestandsaufnahme vorzunehmen; wird dabei ein um mehr als 10 v. H. höherer Wert ermittelt, ist dieser neue Wert maßgebend (vgl. R 5.4 Abs. 4 EStR).

7. Inventuraufnahme

Aufnahmelisten müssen fortlaufend nummeriert sein um sicherzustellen, dass keine Belege verloren gehen oder nachträgliche Manipulationen erfolgen. Das Ausfüllen der Aufnahmelisten muss an Ort und Stelle erfolgen. Im Kopf der Aufnahmeliste sind der Inventurort, Datum und Uhrzeit sowie die Namen der aufnehmenden Personen einzutragen. Die Listen müssen sowohl vom Ansager als auch vom Schreiber unterzeichnet werden.  Wenn Reinschriften der Bestandsaufnahme angefertigt werden, sind die Originalaufzeichnungen mit aufzubewahren. Bei der Bestandsaufnahme können auch Diktiergeräte verwendet werden. Die Aufnahme muss später durch Niederschrift verifiziert werden.

8. Kontrollmöglichkeit

Die Bewertung muss einwandfrei nachprüfbar sein. Das erfordert zunächst eine genaue Bezeichnung der Ware (Qualität, Größe, Maße usw.). Falls erforderlich, sind Hinweise auf die Einkaufsrechnungen, die Lieferanten- oder die Kalkulationsunterlagen anzubringen, soweit dies aus der Artikelbezeichnung bzw. der Artikelnummer nicht ohne weiteres ersichtlich ist. Abwertungen (von den Anschaffungs- oder Herstellungskosten abweichende Bewertungen) müssen sowohl dem Grunde als auch der betragsmäßigen Höhe nach erkennbar und nachprüfbar sein.

9. Abschlussprüfer

Unterliegt der Jahresabschluss einer Prüfungspflicht durch einen vereidigten Buchprüfer oder Wirtschaftsprüfer, so umfasst diese Prüfung auch die Inventur selbst. Aus diesem Grund ist eine frühzeitige Absprache mit dem Abschlussprüfer erforderlich.